Wir brauchen (k)eine Alternative!

Von der Occupy-Bewegung bis hin zu den „sozialistischen Experimenten“ Südamerikas: weltweit werden zurzeit die Stimmen laut: der Kapitalismus bringt’s nicht mehr. Er kann „seine“ Probleme nicht mehr (!) lösen, nämlich Umweltverschmutzung, „Soziale Ungleichheit“ oder Krieg um Rohstoffe (die um Menschenrechte gehen übrigens in Ordnung). In dem ganzen Diskurs, ganz besonders wenn er von oben kommt (Politiker und große Zeitungen), scheint immer wieder die verrückte Idee durch, alle Menschen hätten sich mal zusammengesetzt und gesagt: machen wir Kapitalismus. Jetzt bekommen sie langsam Zweifel, ob die Idee richtig war und protestieren dagegen. Richtig ist, dass der Kapitalismus 1. historisch äußerst brutal gegen den Willen der damaligen Bevölkerungsmehrheit durchgesetzt wurde. Bauern wurden enteignet und mussten in die großen Metropolen auf Arbeitssuche gehen, wo sie, wenn sie überhaupt eine bekamen, 14 Stunden täglich brutal ausgebeutet wurden und 2. auch heute noch gegen die Interessen der Bevölkerungsmehrheit, nämlich all derer, die kein Kapital ihr Eigen nennen und ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, mit Gewalt durchgesetzt wird.
Kürzlich bemerkte auch „Die Zeit“ das gesteigerte Interesse an „Alternativen zur Marktwirtschaft“ und gab ein großes Sozialismus-Special heraus. In diesem gibt u.a. Heinz Dieterich, seines Zeichens Berater der südamerikanischen Präsidenten Hugo Chavez, Evo Morales und Rafael Correa seine Vorstellung vom „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ zum Besten. Grundlage ist die Idee, dass die kapitalistische Produktionsweise „auf Zeit aufgebaut“ sei, denn „Eine Krankenschwester muss eine bestimmte Anzahl von Patienten in einem bestimmten Stundenrhythmus versorgen. In der Produktion am Fließband sind alle Arbeitsschritte zeitlich genau festgelegt. Die Zeiteinheit ist das entscheidende Strukturmuster für wirtschaftliches Verhalten, aber es wird dann konvertiert in monetäre Bewertung, und da tauchen alle möglichen Probleme sozialer Gerechtigkeit auf.“
Dass z.B. eine Krankenschwester eine bestimmte Anzahl an Patienten pro Stunde versorgen und der Fließbandarbeiter am Fließband auch nicht mal auf gemütlich machen kann, liegt nicht daran, dass die Zeit bestimmendes Strukturmerkmal ist, sondern dass der Kapitalist (oder auch der Staat, wenn er eine effektive Bürokratie haben will) möglichst viel von seiner Arbeitskraft haben will. Deshalb ist er in der Regel bemüht, Pausen zu kürzen, den Arbeitstag zu verlängern und zu kontrollieren, ob nicht herumgetrödelt wird. Bezahlen tut er aber die nötigen Reproduktionskosten (Nahrung, Wohnung, bisschen Erholung und Spaß vielleicht auch) für die Arbeitskraft und nicht die Zeit.
Heinz Dieterich gefällt am Kapitalismus nicht, dass die Arbeit den Wert der Produkte bestimmt, weil er irgendwie merkt, dass dann 1. Die Kapitalisten immer mehr Geld haben (weil ihnen die Arbeitskraft ja gehört) und 2. es passiert, dass nicht alle denselben Lohn bekommen, sondern dass je nach Nützlichkeit für das Kapital, verschiedene Löhne bezahlt werden. Deshalb: „Jeder soll, im Prinzip, Anspruch auf das volle Wertprodukt haben, das er erwirtschaftet. Wenn jemand 40 Stunden arbeitet, dann bedeutet das ein Anrecht auf Produkte und Dienstleistungen im Wert von 40 Stunden, die andere erwirtschaftet haben. Also statt einer Kreditkarte bekommt man eine Wertkarte, und damit geht man zum Friseur. Da werden zehn Minuten abgebucht…“ Dass soetwas wahrscheinlich auf eine staatliche Totalüberwachung hinausläuft ist klar. Es wäre nämlich äußerst verführerisch, einfach zuhause Streichholzmännchen zu bauen und zwar sehr langsam, z.B. eines pro Tag, das dann für das Zeitquantum von sagen wir 12 Stunden auf dem Markt verkauft wird. Nun wird das mit dem Friseur aber auch schwierig, weil auch der gar kein Interesse daran hat, einem die Haare gut zu schneiden, sondern nur sehr langsam. Übrigens: wer seine Ware oder Dienstleistungen aus Gründen der Konkurrenz nicht verkaufen kann, geht pleite. Same as usual.
Dietrichs Fehler besteht schließlich auch noch darin, dass er meint, in der Gesellschaft bestehe eine vernünftige Arbeitsteilung, in der nur falsch verteilt werde. Deswegen gesteht er den Chefs, die seiner Auffassung nur dazu da sind, die Produktion zu koordinieren, auch ein bisschen mehr Lohn zu: „Wenn er 40 Stunden arbeitet, wird er für 40 Stunden entlohnt. Vielleicht kriegt der noch einen Bonus, weil er die Erfahrung hat. Vielleicht zehn Prozent mehr. Wenn das erst so ist, spielt es im Grunde auch keine Rolle mehr, ob er Eigentümer ist oder nicht. Er kann eine volkswirtschaftlich wichtige Dienstleistung erfüllen, ohne schädliche private Machtanhäufung.“
Ein Unternehmer arbeitet zwar, er produziert aber nichts, inzwischen koordiniert er nichtmal mehr ansatzweise die Produktion, das machen nämlich Manager für ihn. Dietrichs Ideen sind die Sozialdemokratie wie sie vor 100 Jahren war, nur heute heißt das Sozialismus.