Zeitgeist

MG-Vortrag 1987

MSZ 3 – 1987

Seine Gedanken einfach dem „Zeitgeist“ zuschlagen, mag so leicht niemand. Wer läßt sich schon gerne nachsagen, unkritisch einer „weitverbreiteten Stimmungslage“ zu erliegen oder gar bloß „modisches“ Gedankengut zu vertreten? Ein aufgeklärter Bürger hängt sein Fähnchen schließlich nicht nach dem Wind und braucht zum Denken keine Anleitung. „Von gestern“ will allerdings auch keiner sein, wenn gerade „Umdenken“ angesagt ist. Wer sein Bewußtsein „auf der Höhe der Zeit“ hält, denkt mit und beweist, daß er nicht stur an liebgewordenen Denkgewohnheiten festhält…
Mit blinden Opportunisten möchten Demokraten eben nicht verwechselt werden; und damit liegen sie zumindest nicht völlig daneben. Es geht aber an der Sache vorbei, wenn sie die von ihnen geschätzte Zeitbezogenheit ihrer Anschauungen gleich für eine Eigenart des Denkens halten wollen. Wer sich ein objektives Urteil bildet, der will die Identität eines Gegenstands bestimmen, die sich durch äußere (z.B. Zeit-) Umstände gerade nicht ändert. Sein Denken ist dabei weder so frei, einmal gefundene Bestimmungen einer Sache je nach Laune oder „Zeit“ durch neue zu ersetzen, solange die alten sich nicht als Irrtümer herausgestellt haben, noch so abhängig von zeitlich verschiedenen Erscheinungsformen seines Objekts, daß sie nicht von dessen Identität unterschieden werden könnten.
Wer dagegen auf „zeitgemäßes“ Denken Wert legt, der kennt sowohl äußere Maßstäbe für das, was er eingesehen haben will, wie ihm auch Anpassung an diese Maßstäbe als Inbegriff seines Denkens gilt. Da er sich an den „Anforderungen der Zeit“ orientieren will, prüft er sie nicht, sondern gibt ihnen durch sein vorausgesetztes Bedürfnis den Schein von Objektivität. Er ist also bereit, geistig jeden Schwenk mitzumachen, wenn er seine „Zeit“ nur unter dem Gesichtspunkt einer moralischen Notwendigkeit betrachten kann. Auf Neues stellt er sich nur ein, wenn er es „eingesehen“ hat. Der Opportunismus dieses Bewußtseins ist anspruchsvoll: Er möchte Anpassung aus Freiheit sein!

Gliederung des Artikels:

1 „Zeitgeist“: Ein paar Vorbemerkungen über konjunkturgerechtes Denken
2 Von der Kritik zum Problembewußtsein
3 Vom Problembewußtsein zum haltlos-moralischen Urteil
4 Vom Verantwortungsgetue zum Selbstgefühl
5 Zeitgeist umstritten und genossen